Nachbericht zum Vortrag von Herbert Dreiseitl in der Alten Fabrik in Mühlhofen
Wasser ist die Grundlage allen Lebens – und weit mehr als eine technische Ressource. Es ist Träger von Identität, Schönheit, kultureller Bedeutung und ein zentrales Element für das Wohlbefinden von Menschen, Pflanzen und Tieren. In natürlichen Landschaften wirkt Wasser als kühlendes, reinigendes und ausgleichendes Medium. Es speichert, filtert, verdunstet, bildet Lebensräume und schafft jene ästhetischen Qualitäten, die wir in Flusslandschaften, Seen, Auen oder Küstenregionen so schätzen. Diese Qualitäten sind nicht nur schön – sie sind überlebenswichtig.
Dieses empfindliche System gerät zunehmend aus dem Gleichgewicht. Der Klimawandel verändert den Wasserhaushalt tiefgreifend. Die Winter werden wärmer, die Sommer trockener, Hitzetage und Tropennächte nehmen zu, und gleichzeitig erleben wir häufiger Starkregen, Sturzfluten und Überflutungen. Diese Extreme treten oft in rascher Abfolge auf – Dürre und Hochwasser sind keine Gegensätze mehr, sondern zwei Seiten derselben Krise. Die Ursachen liegen nicht nur im globalen Temperaturanstieg, sondern auch in der Art und Weise, wie wir unsere Landschaften und Städte gestalten.
Herbert Dreiseitl zeigte in diesem Zusammenhang aktuelle Statistiken sowie Bilder von betroffenen und arg verwüsteten Gebieten. Den meisten von uns kommt sofort die Erinnerung an die Bilder der Überschwemmungen und Verwüstungen 2021 im Ahrtal.
Versiegelung, Verdichtung und der Verlust natürlicher Oberflächen haben dazu geführt, dass Wasser kaum noch versickern, gespeichert oder verdunstet werden kann. Mit Kunstdünger versorgte Felder ohne Humus verdichten den Boden und reduzieren stark die Wasseraufnahme. Asphalt und Beton heizen sich auf, beschleunigen den Abfluss und verschlechtern die Wasserqualität. Gleichzeitig fehlen Vegetation, Schatten und kühlende Verdunstungsprozesse.
Die Folge sind überhitzte Quartiere, sinkende Grundwasserstände, verschmutzte Gewässer und eine dramatische Abnahme der Biodiversität. Städte und Gemeinden geraten dadurch in eine doppelte Bedrängnis: Wasserknappheit und Überflutung treten parallel auf.
Dabei zeigt uns die Natur seit Millionen von Jahren, wie Resilienz funktioniert: flexibel, vernetzt, dynamisch und anpassungsfähig. Natürliche Systeme halten Wasser zurück, geben es dosiert wieder ab, filtern es, kühlen es und gleichen Extreme aus. Sie reagieren nicht starr, sondern fließend – ein Prinzip, das wir in der Stadt- und Landentwicklung lange vernachlässigt haben.
Genau hier setzt das Konzept der Schwammstadt an. Es überträgt die Funktionsweise natürlicher Wassersysteme auf die gebaute Umwelt. Die Schwammstadt ist kein einzelnes Bauwerk, sondern ein vernetztes System aus naturbasierten Lösungen, das Wasser dort hält, wo es fällt, und es für Kühlung, Verdunstung, Grundwasserneubildung und Lebensqualität nutzbar macht. Dazu gehören:
- begrünte Dächer und Fassaden
- Baumrigolen und entsiegelte Wurzelräume
- Mulden, Rigolen und Retentionsflächen
- urbane Gewässer, Teiche und Wasserläufe
- Pocket-Parks und blau-grüne Korridore
- wassersensible Straßenräume
- dezentrale Versickerungs- und Speicherstrukturen
Entscheidend ist die Kopplung dieser Elemente zu einem intelligenten hydraulischen Netzwerk. Jedes Element unterstützt das andere – wie in einem natürlichen Ökosystem. So entstehen Städte und Gemeinden, die Hitze abmildern, Wasser reinigen, Lebensräume schaffen und gleichzeitig Aufenthaltsqualität erhöhen.

Dass diese Ansätze funktionieren, zeigen zahlreiche realisierte Projekte weltweit. In Deutschland gehören dazu der Potsdamer Platz in Berlin, der Scharnhauser Park in Ostfildern, der Kronsberg in Hannover oder neue Entwicklungen in Hamburg, München und Freiburg. International sind Städte wie Kopenhagen, Singapur, Portland oder New York City Vorreiter. Dort wurden blau-grüne Systeme nicht als Zusatz, sondern als integraler Bestandteil der Stadtentwicklung umgesetzt – mit messbaren Erfolgen für Klimaresilienz, Gesundheit, Biodiversität und wirtschaftliche Attraktivität.
Auch in diesem Zusammenhang zeigte Herbert Dreiseitl Diagramme, wie die verschiedenen Maßnahmen ineinandergreifen und gute Beispiele von den Systemen, die umgesetzt worden sind – von Freiburg bis Singapur.
Aus diesen Erfahrungen lassen sich klare Lehren ziehen:
Die Herausforderungen liegen nicht in der Technologie, sondern in der Integration, Priorisierung und Umsetzung. Wir verfügen längst über das Wissen und die Werkzeuge. Was fehlt, sind Mut, klare politische Entscheidungen, interdisziplinäre Zusammenarbeit und ein neues Bewusstsein für den Wert von Wasser und Natur im urbanen Raum.
Für Gemeinden bedeutet das:
- Flächen strategisch sichern und entsiegeln
- blau-grüne Infrastruktur als Pflichtbestandteil der Planung verankern
- Förderprogramme gezielt nutzen
- Verwaltung, Politik und Bürgerschaft frühzeitig einbinden
- langfristige Kosten und Nutzen transparent machen
- Schönheit, Aufenthaltsqualität und Gesundheit als legitime Planungsziele anerkennen
Für private Haushalte heißt es:
- Regenwasser nutzen und speichern
- Gärten entsiegeln und begrünen
- Schatten und Verdunstung fördern
- Wasser sichtbar machen und wertschätzen
Wasser ist nicht nur ein technisches Problem, sondern ein kulturelles und gesellschaftliches Thema. Wenn wir lernen, wieder „fluid“ zu denken – vernetzt, flexibel und naturbasiert –, können wir Orte schaffen, die nicht nur schützen, sondern bereichern. Orte, die widerstandsfähig sind und gleichzeitig Lebensqualität, Schönheit und Identität vermitteln.
Die Klimakrise zwingt uns zum Umdenken – aber sie eröffnet auch die Chance, unsere Städte und Gemeinden neu zu gestalten. Wenn wir Wasser wieder als gestaltendes, lebendiges Element begreifen, schaffen wir klimaresiliente Lebensräume für uns und kommende Generationen.
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Leider dürfen wir die im Arbeitskreis Energie und Umwelt gezeigte Präsentation von Herbert Dreiseitl hier nicht veröffentlichen. Viele der gezeigten Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
Wer mehr über Herbert Dreiseitl, sein Leben, seine Aktionen und Veröffentlichungen lesen möchte, sei auf die Internetseite https://static1.squarespace.com/static/5b008764710699f45ff1e509/t/67972fde03eefe5dafaa9d8b/1737961543918/H.Dreiseitl_CV_2025+%28DE%29.pdf hingewiesen.
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